Die Wahl als Grundpfeiler der bürgerlichen Gesellschaft:

Manche Leute glauben immer noch, in unserer Gesellschaft seien alle irgendwie frei und zumindest ein wenig gleich. Das stimmt nicht. Unsere Gesellschaft ähnelt ungefähr dem Süßigkeitenautomaten. Unter dem bunt blinkenden Gehäuse formaler Gleichheit und Freiheit verbirgt sich ein herber Kern sozialer Ungleichheit und Unfreiheit. Für diese formale Gleichheit stehen zum Beispiel „freie und allgemeine“ Wahlen.

Jetzt fragst du dich zurecht, wie es zu all dem kommen konnte. Nun, dass ist kompliziert. Die Anfänge des modernen Wahlrechts stammen aus den Städten des späten Mittelalters. Das dort herrschende Klassenwahlrecht war an (Geld-)Einkommen bzw. an Vermögen gekoppelt. In sozialen Kämpfen wurde nach und nach ein allgemeines Wahlrecht erstritten (Was nicht automatisch heißt, dass dadurch alle Menschen wählen dürfen). Gleichzeitig entwickelte sich die sog. bürgerliche Demokratie, in der „Politik“ und „Ökonomie“ als getrennt erscheinen. Über politische Fragen darf abgestimmt werden und bestimmte Machtgruppen konkurrieren alle paar Jahre um Wählerstimmen. Das kennst du ja. Die zugrundeliegende ökonomische Struktur der Gesellschaft wiederum darf in Wahlen nicht angetastet werden: das Eigentum, die Marktgesellschaft wie der damit verbundene Arbeitsethos, der klingelnde Wecker am Morgen… Eine grundlegende Kritik der herrschenden Verhältnisse ist also in diesem Rahmen nicht möglich. Und in Sachen Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung haben wir definitiv andere Vorstellungen.